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5 Wahrheiten, die die meisten Menschen nicht über Journalisten wissen

  • 8 min read

Kennst du das auch, diese Ehrfurcht, bevor du einen Journalisten kontaktierst? Dieses Jetzt-bloß-keinen-Fehler-machen? Die Angst, dass der Redakteur genervt reagiert und du alle Brücken abfackeln könntest? Dann lies jetzt weiter. Denn wer weiß, wie Journalisten ticken, ist im Vorteil.  Hier kommen 5 Wahrheiten, die dir garantiert weiterhelfen werden.

1. Journalisten haben ständig Zeitdruck

Als Schülerin habe ich oft für meine Lokalzeitung gejobbt. Ich musste dann Umfragen auf der Straße machen oder Texte für die Jugendseite schreiben. Die Umfragen hasste ich – sich irgendwem in den Weg zu stellen und ihn anzuquatschen war so ziemlich die Anti-Vorstellung von Spaß. Außerdem nahmen die meisten Reißaus, sobald sie hörten, dass sie auch fotografiert werden sollten. 

Aber die Umfragen brachten schnelles Geld, denn für jedes Foto eines Befragten bekam ich 20 Mark. Ich hatte also schnell mal an die 100 Mark Foto-Honorar plus 30 Euro Text-Vergütung auf dem Konto – das war für eine Schülerin ein klasse Tagessatz.

Einmal passierte es dann aber: Ich lieferte um 16 Uhr eine Umfrage ab – und es stellte sich heraus, dass meine Bilder alle nichts geworden waren.

(Damals stellten sich die Lokalredakteure noch in die Dunkelkammer und entwickelten die Bilder auf Negativen. Echt, so war das!)

Das Chaos muss groß gewesen sein. Ich war bereits auf dem Heimweg und bekam von all dem nichts mit. Aber am nächsten Tag wurde ich zur Chefredakteurin zitiert, die mir ordentlich die Leviten las.

Sie war zurecht sauer. Um 16:15 Uhr festzustellen, dass man eine Viertelseite neu füllen muss – das ist für Journalisten Stress pur.

Denn vom späten Nachmittag an sitzt Tageszeitungs-Redakteuren die Deadline im Nacken: der Abgabetermin droht. Und je später es wird, desto gehetzter werden Überschriften hingeknallt, Bildunterschriften zusammengeschustert, Überlängen mal eben noch weggekürzt. 

Alles, was in diesem Moment für zusätzliche Arbeit sorgt, macht Journalisten schlechte Laune.

Journalisten nie am späten Nachmittag stören:

Was du aus meinem Missgeschick lernen kannst? Dass du Lokalzeitungsjournalisten am späten Nachmittag nicht mehr stören solltest. Und dass es verständlich ist, wenn Redakteure am Telefon mal grantig sind. Wenn sie „lieber gestern als heute“ um ein Foto bitten, oder sie „innerhalb der nächsten Stunde“ ein Statement brauchen.

Denn der Zeitdruck ist in vielen Redaktionen enorm. Das ist natürlich nicht besser geworden, seit in Redaktionen Stellen gekürzt werden. Seit es Online-News gibt, bei denen vor allem Schnelligkeit zählt. Und seitdem die Kommunikationskanäle ausufern: Da gibt es Nachrichten per E-Mail, per redaktionsinternem Chat, das Telefon klingelt, man wird über Twitter kontaktiert, ständig ploppen Nachrichten im News-Ticker auf dem Bildschirm auf – da bei Sinn und Verstand zu bleiben (und vernünftige Artikel zu produzieren) erfordert einiges. 

Deshalb: Störe einen Journalisten niemals bei seiner Deadline – es sei denn, es ist super dringend. Liefere so pünktlich wie er es braucht – besser noch: fünf Minuten früher, als er es braucht. 

Und liefere niemals eine Umfrage zwei Stunden vor Redaktionsschluss ab…  

2. Journalisten haben (meist) wenig Interesse, dich persönlich kennenzulernen

Manchmal vergesse ich als Journalistin glatt, dass da gerade jemand zum ersten Mal in seinem Leben interviewt wird und natürlich keine Ahnung von den Abläufen hat.

Für mich ist das Interviewen einfach nur Routine. Ich habe teilweise mehrere Telefonate für einen Artikel an einem Tag. Und natürlich kann ich mich nicht mit jedem einzelnen meiner Gesprächspartner treffen. 

Ganz ehrlich: Du bist leider nur einer unter vielen. So hart das auch klingen mag. Und selbst, wenn wir ein richtig nettes Gespräch hatten, heißt das nicht, dass wir jetzt eine „Connection“ hätten. Dass du jetzt über eine gute Beziehung zu einer Journalistin verfügen würdest. So besonders der Kontakt für dich sein mag – für mich ist er Alltag.

Ganz dringend kennenlernen möchte ich dich nur, wenn es meinem Artikel dient. Wenn der also so angelegt ist, dass ich bei etwas dabei sein muss. In dem Fall werde ich geradezu darum betteln, dich bei etwas begleiten zu dürfen. 

Aber weil Honorare eher stagnieren oder sogar sinken, als dass sie steigen, trifft das leider in den seltensten Fällen zu. 

Wenn du mich also nach einem Interview fragst, ob wir nicht mal einen Kaffee trinken gehen wollen (weil du meinst, deine persönliche Beziehung zu einer Journalistin verbessern zu wollen), dann ist das vermutlich vergebene Liebesmüh. Ich bin schon mit dem nächsten Thema beschäftigt, suche schon nach dem nächsten Interviewpartner.

Außerdem kommt hier Wahrheit Nummer 3 ins Spiel:  

3. Journalisten verlassen selten ihren Schreibtisch

Viele Texte lesen sich, als sei der Schreiber wahnsinnig rumgekommen. 

Der Journalist als Alltags-Beobachter, als einer, der zuschaut und aufschreibt, was er sieht – das ist ein schönes Bild. Leider aber eines, über das viele Redakteure nur müde lächeln können.

Und wenn sie dann schon mal am Lächeln sind, denken sie auch gleich noch an die Reisebudgets von vor 20 Jahren. Als sie zwei Wochen lang für einen Artikel verreisen durften, mit Hotel, Spesen und Pipapo. 

Mittlerweile gilt Recherche vor Ort als Luxus. SPIEGEL, Stern, GEO, auch manche anderen Magazine machen das noch im größeren Stil. Ich persönlich habe das als freie Journalistin aber nur bei sehr wenigen genießen dürfen.

So sieht die Realität aus:

Bei den meisten Auftraggebern heißt die Aufgabenstellung: Finde drei interessante Menschen zu Thema xy, lass dir am Telefon ihre Geschichte erzählen, befrag noch ein, zwei Experten und schreib das dann auf.

Für so einen Artikel muss ich akkurat null Tage aus dem Haus gehen. Ich googele dann, starte Suchanfragen in meinem Bekanntenkreis oder auf Facebook und rufe bei irgendwelchen Verbänden an: „Können Sie mir jemanden vermitteln, der…?“ 

Am Ende liest sich so ein Artikel dann trotzdem irgendwie, als wäre ich bei etwas dabei gewesen. Weil ich mit der Zeit ziemlich gut darin geworden bin, Szenen nachzuerzählen. Ich frage meine Interviewpartner gezielt nach Erlebnissen, Erinnerungen, konkreten Beispielen für Aha-Momente oder Tiefpunkte – und schreibe das dann im Beobachter-Stil auf.

Doch, wirklich. So läuft das (ziemlich oft jedenfalls). 

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4. JOURNALISTEN MÖGEN KEINE PR

Wer PR macht, sollte sich im Klaren sein: Die meisten Journalisten haben eine innere Hab-Acht-Haltung, wenn es um PR geht.

Nur nicht kaufen lassen!

Nicht zum versteckten PR-Helfer werden!

Ja unbedingt alles kritisch hinterfragen!

Das ist auch gut so, denn Journalisten sollen unabhängig bleiben. 

Und es ist eigentlich auch gar kein Problem – denn es führt zur ersten Erkenntnis unter dieser Überschrift: Man darf Journalisten eben nicht in „Schreib über mich, mein Produkt ist so toll“-Manier kontaktieren – sondern muss sie von etwas begeistern. Über ihre Begeisterung schreiben sie nämlich gern. 

  • Sie lassen sich zum Beispiel von einer spannenden Geschichte mitreißen. 
  • Finden eine klare Meinung klasse. 
  • Verlieben sich in eine ungewöhnliche Heldenreise. 
  • Oder schwärmen von einem ungewöhnlichen Produkt, das sie selbst auch wirklich überzeugt.

Durch Jubel-Arien in einer Pressemitteilung wird man das allerdings eher nicht erreichen. Da steht so klar „PR“ drauf, da haben die schon beim Lesen der Betreffzeile keinen Bock mehr. Deshalb sollte man versuchen, so wenig werblich zu klingen, wie nur möglich.

Die zweite Erkenntnis unter dieser Überschrift: Von einem Unternehmer direkt kontaktiert zu werden, ohne den Umweg über eine PR-Agentur, ist den meisten Redakteuren am liebsten. Was nicht heißen soll, dass Agenturen generell keine gute Arbeit machten, manche tun das durchaus! Trotzdem ist es einem Journalisten immer am liebsten, wenn er von Anfang an direkt mit einem potenziellen Interviewpartner sprechen kann – ohne Aufpasser im Hintergrund. 

(Das Schlimmste sind übrigens Interviews in Anwesenheit von solchen Wachhunden. Oder der Satz: „Bitte senden Sie mir die Zitate noch mal zu, damit unsere Presseabteilung drüberschauen kann!“) 

5. JOURNALISTEN INTERVIEWEN NICHT PER E-MAIL

Ernstzunehmende Journalisten schicken dir nicht Fragen zu, damit du sie dann schriftlich beantwortest. Punkt. 

Warum?

  • Weil du ihnen Schriftsprache abliefern wirst, statt gesprochenes Wort. Und die klingt meist gehoben, förmlich, langweilig.  
  • Weil sie per E-Mail nicht sofort nachhaken können: „Wie meinen Sie das konkret? Können Sie ein Beispiel nennen?“ 
  • Weil du eine Frage ganz anders verstehen könntest, als sie gemeint war – und der Journalist dann nicht korrigieren kann. 
  • Weil die meisten auf schriftlichem Wege nur gut durchdachte, verkopfte Zusammenfassungen abliefern – statt spontaner, lebendiger Erzählungen.

Und mehr gibt’s dazu echt nicht zu sagen. 

Was sind deine Aha-Momente mit Journalisten? Was hast du über sie gelernt, was du vorher nicht wusstest? Welche Wahrheit über Redakteure sollten auch andere unbedingt kennen? Ich fände es großartig, wenn du sie mit uns in den Kommentaren teilen würdest!

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10 Gedanken zu „5 Wahrheiten, die die meisten Menschen nicht über Journalisten wissen“

  1. Hallo Marike!

    Wie immer ein starker Artikel von Dir.

    Mit dem 5.Punkt hast Du recht, Journalisten rufen tatsächlich immer an. 2008 gab ich noch ein schriftliches Interview für ein Jugendmagazin, das ist aber lange her.

    Leider kündigen sie ihren Anruf vorher nie an. NIE! Und sie haben ein Talent dafür zu den ungünstigsten Zeiten anzurufen. Zumindest in meinem Fall. 😉

    Ich habe meine Zweifel ob der 4.Punkt so noch stimmt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Kunden die im Magazin/in der Zeitung Werbung platzieren auch redaktionell bevorzugt behandelt werden.

    Was meinst Du dazu Marike?

    Liebe Grüße aus Wien,
    Franz

    1. Deshalb schrieb ich ja auch: "Die MEISTEN Journalisten…" 😉 Von dem Trend höre ich auch zunehmend. Ist mir allerdings noch nicht in dem Ausmaß untergekommen, weil ich bislang vor allem mit großen Magazinen und Zeitungen zu tun hatte.

  2. Hallo Maike,
    Punkt 3 hat mich echt erstaunt, da mir ein Journalist dem ich am Rande einer Veranstaltung eine Story angeboten habe sogar angeboten hat zwecks Interview von Berlin nach Leipzig zu kommen.

    VG Martin

  3. Hallo Maike,

    toller Artikel, tolle Seite. Ich hatte mir die Arbeit bei der Zeitung immer total aufregend und irgendwie wild-romantisch vorgestellt. Diese Seifenblase ist aber geplatzt. Ich arbeite seit ein paar Wochen als freie Mitarbeiterin bei der Zeitung hier vor Ort und vertrete Wochenweise die Sekretärin des Redaktionsleiters. Ich musste feststellen, dass wenig Interesse an der Arbeit der freien Mitarbeiter herrscht und man tatsächlich nichts dazulernt weil keine Zeit für Feedback bleibt.

    Sonderlich scharf darauf neue Kollegen kennenzulernen scheinen die Redakteure auch nicht zu sein. Und, sieht es eigentlich immer so unordentlich und schweinisch aus in den Büros? 🙂

    Ich weiss jetzt natürlich nicht, ob das die Regel ist oder nur meine Erfahrung.

    Ganz liebe Grüße,
    Claudia

  4. Vorab: Klasse Blog !!! Als Nicht-Journalist: auch wir stehen als eure Interviewpartner unter Zeitdruck, der bei uns Juristen "Frist" heist. Vergeigt man eine Frist, bedeutet das: mglw. Prozessverlust für den Mandanten + Haftungsfall gegen uns, Verspätungsrüge in Strafsachen (dann war die Ermittlung der StA und Polizei ggf. umsonst) oder Instanzenzug zum nächsthöheren Gericht für Richter, für Firmen allgemein: Kunde weg, Strafzahlungen, Vertrag kaputt. Die Zeit für den Kaffee mit den ein oder anderen Interviewpartner solltet ihr euch dennoch wenn möglich nehmen, weil viel zu viele Journalisten leider auch privat ausschließlich unter ihresgleichen bleiben (Lebenspartner, Eltern, Kinder, Freunde: alles Journalisten). Und das merken wir Leser und Zuschauer dann auch: und zwar gewaltig. Mischt euch auch privat unter die Leute. Ich bin zwar Jurist, hab aber davor in einer Bank gearbeitet, während des Studiums als Lkw-Fahrer, auf dem Bau und in diversen Fabriken (Lebensmittel, Waschmittel, Stahlvertrieb für die Industrie und die Baubranche). Abgesehen davon war ich auch bei gut 80 (!) Filmdrehs dabei, Jam-Sessions etc, Kindheit in einer Arbeiterstadt, Freunde aus "kaputten" Familie …. Der Werdegang der meiten Journalisten: gutes Elternhaus und heiles Wohnviertel, Abi, Uni, Redaktion, Wohnsitz Alster, Museumsufer Frankfurt, Neckarufer Heidelberg etc. führt dann leider zu dem was Aggro-Leser als "Systempresse" bezeichnen. Es fehlt vielen von euch der Zugang zu dem was wir Monnemer als "Lewe" bezeichnen. Mein Eindruck. ;o)

    1. Das ist ein sehr guter Punkt! Ich weiß, dass viele Journalisten dass durchaus erkannt haben. Die ZEIT zum Beispiel holt seit einiger Zeit vermehrt Leser zu Diskussionen ins Haus und hat einen "Wirtschaftsrat" ins Leben gerufen, der aus "echten", normalen Menschen besteht und die Redaktion bei der Auswahl von Themen berät. Finde ich sehr spannend.
      An meiner Ausbildungsstätte, der Henri-Nannen-Schule wird auch vermehrt darauf geguckt, dass etwas mehr "diversity" reinkommt. Vielleicht kommt da was in Bewegung…

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Marike Frick

Marike Frick ist ausgebildete Journalistin und zeigt Unternehmern und Einzelkämpfern, wie sie ihre Pressearbeit selber machen können. Ihre Texte sind u. a. in DIE ZEIT, Brigitte Woman, Financial Times Deutschland, Spiegel Online und Business Punk erschienen. Sie lebt mit ihrer Familie derzeit in Genf, glaubt an die tägliche Ration Kaffee (Barista-Style) und liebt gut gemachte TV-Serien in Kombination mit dunkler Schokolade und Rotwein.